
Auf einen Blick
NIS2: Sind Sie vorbereitet?
Prüfen Sie, ob Ihr Unternehmen betroffen ist, und erfahren Sie, welche Maßnahmen nötig sind. Wir machen die Umsetzung für Sie einfach und praxisnah!
NIS2 in der Praxis – Teil 2: Risikomanagementrichtlinie
- welche Rolle eine NIS2 Risikomanagementrichtlinie in Ihrem Sicherheitsrahmen spielt,
- wie Sie Risikobereitschaft, Risikotoleranz und Risikoakzeptanz definieren,
- wie Sie Anforderungen aus NIS2, BSIG-neu und ENISA zusammenführen,
- und wie Sie von Excel-Listen zu einem belastbaren, prüfbaren Risikomanagement kommen.
1. Warum Sie eine NIS2 Risikomanagementrichtlinie brauchen
Viele Unternehmen besitzen bereits eine Risikomatrix oder eine Liste mit Top-Risiken. Für NIS2 reicht das jedoch nicht mehr aus. Eine NIS2 Risikomanagementrichtlinie schafft ein strukturiertes, prüfbares Rahmenwerk. Sie ist verbindlich und definiert, wie Risiken im Unternehmen systematisch bewertet und behandelt werden.
- § 30 BSIG-neu fordert ein systematisches Risikomanagement.
- NIS2 verpflichtet zu dokumentierten „Konzepten zur Risikoanalyse“.
- ENISA verlangt definierte Prozesse, Rollen, Kriterien und Nachweise.
Die NIS2 Risikomanagementrichtlinie beantwortet grundlegende Fragen:
- Wie identifizieren wir Risiken?
- Nach welchen Kriterien bewerten wir sie?
- Wer entscheidet über Maßnahmen und Risikoakzeptanz?
- Wie oft wird das Risikomanagement überprüft?
Damit dient sie als praxisnaher Leitfaden – für Geschäftsleitung, IT/OT und operative Fachbereiche.
2. Was NIS2, BSIG-neu und ENISA zur NIS2 Risikomanagementrichtlinie sagen
In Art. 21 der NIS2-Richtlinie und im BSIG-neu wird Risikomanagement klar als Pflicht definiert: Unternehmen müssen „geeignete, wirksame und verhältnismäßige Maßnahmen“ treffen, die auf einem Risikomanagement nach Stand der Technik beruhen.
Der ENISA-Leitfaden konkretisiert diese NIS2 Risikomanagementrichtlinie in mehrere Bausteine:
- Risikomanagement-Rahmen: Ziele, Rollen, Prozesse
- Risikobewertungsmethodik: Kriterien, Skalen, Priorisierung
- Risikobehandlung: Maßnahmenoptionen & Entscheidungswege
- Kontinuierliche Verbesserung: Reviews, Audits, Lessons Learned
- Nachweise: Risikoregister, Berichte, Protokolle
Eine wirksame NIS2 Risikomanagementrichtlinie übersetzt diese Anforderungen auf die eigene Organisation, abhängig von:
- Unternehmensgröße,
- NIS2-relevanten Diensten,
- bestehenden Standards (ISO 27001, BSI, eigenes ISMS).
3. Die drei großen R im NIS2-Risikomanagement
Eine NIS2 Risikomanagementrichtlinie muss drei zentrale Begrifflichkeiten präzise definieren:
3.1 Risikobereitschaft (Risk Appetite)
- Definiert, wie viel Risiko Ihre Organisation grundsätzlich akzeptieren will.
- Wird ausschließlich von der Geschäftsleitung festgelegt.
- Kann je Bereich differenziert werden (z. B. IT, OT, Lieferkette).
Beispiel: „Wir akzeptieren für interne Büro-IT ein höheres Restrisiko als für Systeme, die NIS2-relevante Dienste unterstützen.“
3.2 Risikotoleranz (Risk Tolerance)
- Operationalisierung der Risikobereitschaft in konkreten Grenzwerten.
- Definiert, ab wann Maßnahmen verpflichtend sind.
- Wird in der Risikomatrix sichtbar.
Beispiel: „Risiken ≥ 16 müssen innerhalb von 6 Monaten reduziert oder von der Geschäftsleitung akzeptiert werden.“
3.3 Risikoakzeptanz (Risk Acceptance)
- Betrifft konkrete Risiken im Risikoregister.
- Erfordert dokumentierte Entscheidung und Begründung.
- Muss geregelt sein – wer darf was akzeptieren?
Eine NIS2 Risikmanagementrichtlinie sollte alle drei Ebenen sauber trennen und verbindlich regeln.
4. Aufbau einer NIS2-konformen Risikomanagementrichtlinie
Die folgende Struktur hat sich für eine NIS2 Risikomanagementrichtlinie als Best Practice etabliert:
4.1 Zweck und Geltungsbereich
- Bezug zu NIS2, BSIG-neu, ISO, BSI.
- Beschreibung der erfassten Organisationseinheiten, Systeme und NIS2-Dienste.
4.2 Begriffe und Grundprinzipien
- Definitionen von Risiko, Risikobereitschaft, Risikotoleranz, Risikoakzeptanz.
- Grundsätze: risikobasiert, verhältnismäßig, dokumentiert, nachvollziehbar.
- Optional: Bezug zum ENISA-Leitfaden.
4.3 Risikomanagementprozess
- Identifikation: Workshops, Interviews, Kataloge, Lessons Learned
- Analyse & Bewertung: Methode, Skalen, Unsicherheiten
- Behandlung: vermeiden, reduzieren, übertragen, akzeptieren
- Überwachung: Reviews, Audits, Ereignisse
4.4 Rollen & Verantwortlichkeiten
- Risikoeigner
- Risikomanagement-Funktion
- Informationssicherheit (CISO/ISB)
- Geschäftsleitung
4.5 Risikomodell & Schwellenwerte
- Bewertungsskalen 1–5
- Risikoklassen: niedrig, mittel, hoch, kritisch
- Schwellenwerte für verpflichtende Maßnahmen
4.6 Dokumentation & Nachweise
- Risikoregister
- Berichte an die Geschäftsleitung
- Nachweisdokumente für Aufsichtsbehörden
4.7 Kontinuierliche Verbesserung
- regelmäßige Reviews
- Einbindung von Vorfällen & Beinaheereignissen
- Audits & externe Prüfungen
5. Verbindung zu Standards wie ISO 27001 und BSI
Die NIS2 Risikomanagementrichtlinie lässt sich hervorragend in bestehende Standards integrieren:
- ISO 27001 / 27005
- BSI-Standard 200-3
- NIST CSF
Nutzen Sie bestehende Prozesse weiter – passen Sie sie lediglich an NIS2 und BSIG-neu an.
6. Häufige Stolperfallen im NIS2-Risikomanagement
- Nur IT-Risiken berücksichtigt: NIS2 umfasst auch Prozesse, Lieferketten und physische Sicherheit.
- Fehlende Einbindung der Geschäftsleitung: zentrale Entscheidungen gehören ins Management.
- Einmalige Risikoanalyse: NIS2 verlangt einen kontinuierlichen Prozess.
- Keine Maßnahmenverknüpfung: ein Risikoregister ohne Maßnahmen ist wertlos.
7. Wie es weitergeht – Teil 3 der Serie
Mit der Security-Policy (Teil 1) und der NIS2 Risikomanagementrichtlinie (Teil 2) schaffen Sie die Basis für Ihren NIS2-Umsetzungsfahrplan.
Im nächsten Beitrag geht es weiter mit:
Teil 3: Incident Management – klare Prozesse statt Improvisation unter NIS2
Haben Sie Risikobereitschaft, Risikotoleranz und Risikoakzeptanz bereits dokumentiert – oder arbeiten Sie noch mit einer „gewachsenen“ Excel-Sammlung?
Über den Autor:

Ralf Becker
Geschäftsführer & Datenschutz- / Informationssicherheitsbeauftragter
Ralf Becker begann seine berufliche Laufbahn bei einer Strategie-Beratung, war in unterschiedlichen leiten-den Positionen im Telekom-Konzern tätig, bevor es ihn 2007 wieder in die Beratung zog. Seit 2009 ist er Geschäftsführer der daschug GmbH. Sowohl als zertifizierter Datenschutzbeauftrag-ter wie auch als externer Informationssicherheitsbeauftragter ist er seit mehr als 15 Jahren im Bereich IT-Compliance aktiv. Von ihm und seinem Team werden eine Reihe deutscher mittel-ständischer Unternehmen „hands-on“ betreut. Er verfügt über mehr als 10jährige Erfahrung mit ISO27001-Zertifizierung auch in kleinen Organisationen und dem Aufbau bzw. der Pflege von pragmatischen, tool-gestützten Informationssicherheits-Managementsystemen (ISMS) für KMUs.

